4. Beispiele für die Erhabenheit seines edlen Charakters

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – war nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen Tiere und Pflanzen von grenzenloser Barmherzigkeit. Als die Ungläubigen ihn hintergingen, ihr Abkommen mit ihm brachen und eine kriegerische Begegnung vorzogen, zog der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – mit einem machtvollen Heer von zehntausend Kriegern gen Mekka. Als er von dem Ort ‘Arj aufbrach und in Richtung Talūb weiterzog, bemerkte er am Straßenrand eine Hündin, die sich über ihren Jungen hinstreckte und diese säugte. Sofort rief er seinen Gefährten Ju‘ayl ibn Surāqa zu sich, damit er bei dem Tier bleibe und darüber wache. Er wies ihn an, darauf zu achten, dass die Hundemutter und ihre Jungen nicht durch das Heer des Islam gestört würden.

Eines Tages suchte der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – den Garten eines der Ansār auf. Dort stand ein Kamel, das, sobald es des ehrwürdigen Propheten ansichtig wurde, laut (nach Art der Kamele) zu stöhnen begann und dicke Tränen weinte. Der ehrwürdige Prophet trat zu ihm hin und streichelte es mitfühlend hinter den Ohren. Das Kamel beruhigte sich daraufhin. Da fragte der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden: “Wem gehört dieses Kamel?” Ein junger Mann aus Medina kam heran und antwortete: “Dieses Kamel gehört mir, O Gesandter Allāhs!” Da sagte der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zu ihm: “Fürchtest du dich nicht vor Allāh wegen dieses Tieres, das Er in deine Obhut gegeben hat? Es beschwert sich nämlich bei mir über dich, dass du ihm wenig zu essen gibst und es schwer arbeiten lässt.”[1]

Eines Tages sah der ehrwürdige Prophet einen Mann ein Schaf schlachten. Der Mann war dabei sein Messer zu schleifen, nachdem er das Schaf schon auf die Erde gelegt hatte. Angesichts dieses hartherzigen und gefühllosen Verhaltens verwarnte der Gesandte Gottes den Mann folgendermaßen: “Willst du dem Tier denn mehrmals den Tod geben? Hättest du dein Messer nicht schleifen können, bevor du es auf die Erde bettest?”[2]

Allāhs ehrwürdiger Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – vergab Menschen, die ihm großes Übel angetan hatten, selbst wenn es in seiner Macht stand, sie zu bestrafen. Er sah sogar davon ab, ihnen auch nur mit einem Wort oder einer Andeutung einen Vorwurf zu machen, denn der Gesandte Allāhs – Segen und Friede seien auf ihm – wünschte niemandem Böses, weder einem Muslim noch einem Ungläubigen, sondern begegnete einem jeden mit größtem Anstand und Feingefühl. Als Mekka ohne Blutvergießen erobert wurde, fanden sich all jene vor ihm versammelt, die ihm seit einundzwanzig Jahren nichts als Feindschaft entgegengebracht hatten, und erwarteten sein Urteil. Zu ihnen sprach er wie folgt:

“O ihr Quraysch! Was glaubt ihr, werde ich mit euch tun?” “Gutes! Du bist uns ein edler Bruder, der Sohn eines edlen Bruders”, erwiderten sie, und er sprach: “Heute sage ich zu euch, was der Prophet Yūsuf zu seinen Brüdern sagte: {Kein Vorwurf soll euch heute treffen. Allāh möge euch verzeihen – und Er ist der Barmherzigste der Barmherzigen!}[3] Geht eurer Wege! Ihr seid frei!”[4]

An jenem Tage vergab er auch Hind, der Frau des Abū Sufyān, die nach der Schlacht von Uhud in ihrer Raserei die Leber seines gefallenen Onkels Hamza zerfleischt hatte. Selbst Habbār ibn al-Aswad, der des Propheten eigene Tochter Zaynab von ihrem Kamel gestoßen und dadurch ihren Tod verursacht hatte, ging – ebenso wie zahllose andere – im Zuge dieser allgemeinen Amnestie straflos aus.[5]

Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – war ein äußerst bescheidener Mensch. Am Tag des Einzugs nach Mekka, als er in den Augen der Leute auf der Höhe seiner Macht stand, beruhigte er einen Mann, der vor ihn trat und vor Angst zitternd kaum sprechen konnte, mit den Worten: “Sei nur ganz ruhig, mein Bruder! Ich bin weder ein König noch ein Herrscher. Ich bin der Sohn einer Frau von Quraysch, die sonnengedörrtes Fleisch zu essen pflegte!”[6]

Seine Gefährten ermahnte er stets: “Nennt mich einen Gottesdiener und Gesandten Allāhs!”[7] Indem der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – darauf bestand, der Formel, die sein Prophetentum bestätigt, das Wort ‘Abduhu [Sein Diener] hinzuzufügen,[8] verhinderte er, dass seine Nation ein menschliches Wesen zum Gott erhob, wie es andere Nationen vor ihnen getan hatten. In diesem Zusammenhang sagte er auch: “Erhebt mich nicht auf einen Rang, der mir nicht gebührt. Denn bevor Allāh, der Erhabene, mich zum Gesandten gemacht hat, machte Er mich zu Seinem Diener.”[9]

Abū Umāma – Allāh schenke ihm Sein Wohlgefallen – berichtet: “Alle Rede des Gesandten Gottes – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – war Qur’ān (das heißt, er sprach von ihm und erläuterte seine Verse). Er wiederholte häufig den Namen Allāhs, sprach nie Unnötiges, hielt seine Predigten kurz und seine Gebete lang. Er zögerte nicht, eine Witwe, einen Armen oder Mittellosen zu begleiten, um sich mit deren Angelegenheiten zu beschäftigen bis diese erledigt waren, und er war niemals hoffärtig.”[10]

Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zeigte stets vorbildliches Taktgefühl, höfliche Aufmerksamkeit und benahm sich voller Eleganz. Er verlangte ordentliche Kleidung und duldete nicht, dass man sich in Lumpen hüllte, und er verabscheute ungekämmtes Haar und struppige Bärte. Nie nahm er eine der üblichen Grobheiten oder Schimpfworte in den Mund, und er sagte diesbezüglich: “Am Jüngsten Tag wird nichts in der Wagschale eines gläubigen Gottesdieners schwerer wiegen als ein vortrefflicher, moralischer Charakter. Allāh, der Erhabene, verabscheut denjenigen, der hässliche Gebärden macht und hässliche Worte spricht.”[11]

Wenn ihm zugetragen wurde, dass jemand ein unliebsames Wort geäußert hatte, fragte er nicht: “Was ist mit dem So-und-so, dass er solche Dinge äußert?”, sondern er fragte: “Was ist mit gewissen Leuten, dass sie derartige Dinge sagen?”[12]

Durch die von Allāh und Seinem Gesandten verordneten Gesetze wurde den Frauen eine Rechtsgrundlage eingeräumt. Die Frau wurde in der Gesellschaft zum Symbol von Tugend und Sittsamkeit. Die Mutterschaft wurde zu hohen Ehren erhoben. Mit dem Prophetenwort: “Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter”[13], wurde der Frau der ihr gebührende Rang zuerkannt. Nach Aussage seiner Ehefrau, der ehrwürdigen Mutter der Gläubigen, ‘Ā’ischa, erhob der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zeitlebens niemals die Hand gegen eine seiner Frauen und schlug niemanden mit seiner Hand.[14] Denn Allāh, der Allmächtige, befiehlt im heiligen Qur’ān: {Und geht mit ihnen in rechtlicher Weise um!}[15]

Unser ehrwürdiger Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – war äußerst freigiebig. Safwān ibn Umayya, eine der führenden Persönlichkeiten des Stammes der Quraysch, nahm an der Seite des Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – an den beiden Schlachten von Hunayn und Tā’if teil, obwohl er noch kein Muslim war. Als sie in Jirāna die eingesammelte Kriegsbeute betrachteten, fiel dem Gesandten Gottes – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – auf, dass Safwān einen Teil der Herden mit großer Bewunderung betrachtete. Er wandte sich ihm zu und fragte: “Gefallen sie dir sehr?” “O ja”, antwortete Safwān, woraufhin der Prophet zu ihm sprach: “Dann nimm sie, sie gehören alle dir.” “Nur das Herz eines Propheten kann solche Großzügigkeit enthalten”[16], meinte Safwān, und bekehrte sich zum Islam. Als er zu seinem Volk zurückgekehrt war, sagte er zu ihnen: “O mein Volk! Eilt hin und werdet Muslime! Denn Muhammad beweist große Güte und Gunst, ohne Armut und Bedürftigkeit zu fürchten.”[17]

Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – schied am Montag, dem zwölften Tag des Monats Rabi‘ al-Awwal des elften Jahres der Hijra, welcher dem 8. Juni 632 n. Chr. entspricht, aus dieser Welt.

In nur zehn Jahren, nachdem er als Muhājir [Emigrant] von Mekka nach Medina ausgewandert war, hatte er ganz Arabien, vom Oman bis zum Roten Meer und vom Süden Syriens bis zum Jemen, unter seiner Herrschaft vereint. So entstand zum ersten Mal in der Geschichte ein einiges Arabien. Ein französischer Denker misst am Erfolg seiner Sendung, welch außerordentliches Genie der ehrwürdige Prophet besessen haben muss, indem er sagt:

“Wenn die Erhabenheit der Ziele, Knappheit der Mittel und Großartigkeit des Ergebnisses die drei Hauptkriterien für menschliches Genie sind, welche der großen Persönlichkeiten der modernen Geschichte könnte es dann wagen, sich mit dem Propheten Muhammad zu messen?”[18]



[1].      Abū Dāwūd, Jihād, 44/2549.

[2].      Al-Hākim, Bd. IV, 257, 260/7570.

[3].      Qur’ān, 12:92.

[4].      Siehe Ibn Hischām, Bd. IV, 32; al-Wākidī, Bd. II, S. 835; Ibn Sa‘d, Bd. II, 142-143.

[5].      Muslim, ‘Aqdiya, 9; al-Wāqidī, Bd. II, S. 857.

[6].      Ibn Mājah, At‘ima, 30; al-Hākim, Bd. III, 50/4366.

[7].      Al-Bukhārī, Anbiyā, 48.

[8].      Nämlich in der zweiten Hälfte des Glaubensbekenntnisses in der Formulierung aschhadu anna Muhammadan ‘abduhu wa rasūluhu [ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Sein Gesandter ist].

[9].      Al-Haythamī, Bd. IX, 21.

[10].     Al-Haythamī, Bd. IX, 20; al-Nasā’ī, Jumu‘a, 31.

[11].     Al-Tirmidhī, Birr, 62/2002.

[12].     Abū Dāwūd, Adab, 5/4788.

[13].     Al-Nasā’ī, Jihād, 6; Ahmad, Bd. III, S. 429; al-Suyūtī, Bd. I, S. 125.

[14].     Ibn Mājah, Nikāh, 51.

[15].     Qur’ān, 4:19.

[16].     Al-Wāqidī, Bd. II, S. 854-855.

[17].     Muslim, Fadā’il, 57-58; Ahmad, Bd. III, 107-108.

[18].     Alphonse de Lamartine, Histoire de la Turquie.