3. Die Zeit in Medina

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Als die Schindereien der Ungläubigen unerträglich geworden worden, riet Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – seinen Gefährten, in aller Stille auszuwandern. Als die Ungläubigen dies bemerkten, planten sie ein Attentat auf den ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, der allein zurückgeblieben war. Jede Sippe bestimmte jeweils einen jungen Mann, und alle sollten gleichzeitig zum Angriff ansetzen, damit die Angehörigen des Propheten, falls sie später Rache nehmen oder Vergeltung fordern wollten, gegen die Gesamtheit der Sippen anzutreten hätten.

Eben zu dieser Zeit erging der Befehl des Allmächtigen an den Propheten, dass er nach Medina auswandern solle. Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – rief seinen Schwiegersohn ‘Alī zu sich und übergab diesem die ihm anvertrauten Gegenstände mit der Auflage, sie ihren Besitzern auszuhändigen. Wenn nämlich in Mekka jemand etwas Wertvolles besaß, vertraute er es ohne zu zögern dem Gesandten Allāhs an, dessen Verlässlichkeit und Treue jedermann bekannt war.[1]

In jener Nacht umzingelten die Ungläubigen das Haus. Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – nahm eine Handvoll Staub und streute diesen über ihre Köpfe, während er einige Verse der Sure Ya Sīn (36) las. Daraufhin nahm ihn keiner von ihnen wahr. So verließ der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – Mekka, wo er sich dreizehn Jahre lang abgemüht hatte, die Menschen zum rechten Glauben zu führen, und wanderte nach Medina aus.

Er vereinte die Muslime Medinas, die Ansār, (was “die Helfer” bedeutet,) brüderlich mit den aus Mekka eingewanderten Muslimen, den Muhājirūn. Die Ansār sagten zu ihren Brüdern, den Muhājirūn aus Mekka: “Hier ist alles, was ich besitze, nimm es, die Hälfte davon sei dein.” Als Antwort darauf bewiesen die Muhājirūn, deren Herzen zu Schatzkammern von Genügsamkeit geworden waren, ihre Reife, indem sie erwiderten: “O mein Bruder, dein Hab und Gut sei dir gesegneter Besitz – wenn du mir nur den Weg zum Markt weisen wolltest, wäre mir das genug!”[2]

In diesen Tagen stellte der Gesandte Gottes – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – eine Art Verfassung auf, in der die gegenseitigen Verpflichtungen der in Medina lebenden Muhājirūn, Ansār und Juden festgelegt und ihre Pflichten gegenüber dem neuen islamischen Gemeinswesen niedergelegt waren. Dies war die erste schriftlich festgelegte Verfassung in der Weltgeschichte.[3]

Wegen der offenen Feindschaft der heidnischen arabischen Stämme gegen die Muslime und der häufigen Vertragsbrüchigkeit ihrer Nachbarn, der jüdischen Stämme Arabiens, kam es verschiedentlich zu Kämpfen zwischen den Parteien. Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, der als Gnade für die Welt entsandt war, verfolgte auch in seinen militärischen Auseinandersetzungen eine Politik von solcher Barmherzigkeit, dass er, wenngleich er binnen kurzer Zeit die gesamte arabische Halbinsel unter seine Herrschaft brachte, auf keiner Seite größeres Blutvergießen zuließ. Er versuchte vorzugsweise alle Probleme auf dem Verhandlungsweg zu lösen.

Der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – nahm selbst an neunundzwanzig militärischen Expeditionen teil. In sechzehn davon fand überhaupt keine tätliche Auseinandersetzung statt, sondern beide Seiten einigten sich durch Verhandlungen. In dreizehn Expeditionen kam es notgedrungen zu Kampfeshandlungen, bei denen insgesamt an die einhundertvierzig Muslime als Märtyrer fielen, und etwa dreihundertfünfunddreißig feindliche Kämpfer umkamen.[4]

Im Islam besteht der Zweck des Krieges nicht darin, Menschen zu töten oder sich Kriegsbeute anzueignen, die Erde zu verwüsten oder sich persönlichen Vorteil zu sichern; es geht nicht darum, sich einen materiellen Nutzen zu verschaffen oder Rachegelüste auszuleben. Ganz im Gegenteil, es geht darum, Unterdrückung abzuschaffen, Glaubensfreiheit zu sichern, die Menschen zur Rechtleitung zu führen und jede Art von Ungerechtigkeit zu beseitigen.



[1].      Ibn Hischām, Bd. II, S. 95 u. 98.

[2].      Siehe al-Bukhārī, Buyū‘, 1.

[3].      M. Hamīdullah, The First Written Constitution in the World, Lahore, 1975.

[4].      Siehe Prof. Dr. M. Hamīdullah, Hz. Peygamber’in Savaşları (engl. Originaltitel: Battlefields of the Prophet Muhammad), Istanbul, 1991; sowie Dr. Elşad Mahmudovs noch unveröffentlichte Dissertation Sebep ve Sonuçları Itibâriyle Hazret-i Peygamber’in Savaşları, Marmara Universität, Istanbul, 2005.