2. Seine Berufung zum Propheten

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Als der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sein vierzigstes Jahr vollendet hatte, eröffnete ihm Allāh, der Erhabene, das Prophetentum mit dem Befehl: {Lies im Namen deines Herrn, der erschuf!}[1] In den ersten Tagen seiner Sendung wandte sich der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – auf einem hohen Felsen des Hügels Safā stehend an die Quraysch und sprach: “O ihr Leute der Quraysch! Würde ich euch sagen, dass an diesem Bergfuß oder in jenem Tal eine Horde feindlicher Reiter lauerte, die nur darauf warten euch zu überfallen und sich eurer Habe zu bemächtigen, wolltet ihr mir dann glauben?” Darauf antworteten sie ohne zu zögern: “Ja, gewiss würden wir dir glauben, denn wir fanden dich bislang stets wahrhaftig und haben von dir niemals eine Lüge gehört!” Daraufhin eröffnete ihnen der Gesandte Gottes – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, dass er ein von Allāh gesandter Prophet und Warner sei. Er erklärte ihnen mit bewegten Worten, dass diejenigen, die seinen Worten Glauben schenkten und ein gottgefälliges Leben führten, im Jenseits des schönsten Lohnes teilhaftig würden, während diejenigen, die sich weigerten zu glauben, schrecklicher Strafe begegnen würden, weshalb es vonnöten sei, in dieser Welt schon sehr sorgfältige Vorbereitungen für die kommende Welt zu treffen. Doch es erwies sich als äußerst schwierig, die Menschen von ihren irrigen Meinungen abzubringen.[2]

Von diesem Tag an ließ der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, allen Verfolgungen und Behinderungen seiner Widersacher zum Trotz, nicht eine Stunde davon ab, sein Volk zur Wahrheit zu rufen. Er ging von Tür zu Tür, suchte die Pilgerkarawanen auf oder ging auf die Märkte und rief die Menschen bei jeder Gelegenheit auf, den Weg der Rechtleitung einzuschlagen. Dabei kannte er weder Überdruss noch Unmut, und er erklärte selbst jenen, die ihm die unversöhnlichste Feindschaft entgegenbrachten, immer wieder dieselbe Wahrheit. Er wiederholte ihnen Mal für Mal, dass er nur um Allāhs willen seine Botschaft verkünde, indem er ihnen vortrug: {Sprich (O Prophet): “Ich fordere von euch keinen Lohn dafür, und ich gehöre nicht zu den Leuten, die behaupten, etwas zu sein, was sie nicht sind.”}[3]

Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – war, wie viele Menschen seiner Zeit, des Lesens und Schreibens unkundig, er war Analphabet.[4] Darum war es unmöglich, dass er die Dinge, die er erklärte, in einem Buch gelesen oder irgendwo gehört hatte und nun weitergab. Dass ein unwissender Mensch plötzlich gewichtige Dinge in sprachlich vollendeter und rhetorisch reiner Form von sich gibt, ist nur durch göttliche Eingebung und Offenbarung möglich. Das wussten zu jener Zeit selbst seine Feinde, und sie gaben dies auch zu.

Die Götzendiener, die den Propheten näher kannten, schätzten ihn wegen seines guten Charakters und waren felsenfest davon überzeugt, dass er sie nicht belog. Doch sie waren nicht bereit, ihre leiblichen Gelüste sowie gewisse weltliche Vorteile, die sie sich widerrechtlich angeeignet hatten, aufzugeben. Eines Tages kam der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zu Abū Jahl und seinen Gefährten, die zu seinen unversöhnlichsten Gegnern zählten. Da sprachen sie ihn an und sagten: “O Muhammad, bei Allāh, wir bezichtigen nicht dich der Lüge, wir bezeichnen nur als Lüge, was du gebracht hast!”[5]

Die Ungläubigen bemühten sich nach Kräften, den ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – von seiner Sendung abzubringen. Dabei benutzten sie seinen geliebten Onkel, um ihn zu beeinflussen. Sie suchten ihn auf und unterbreiteten ihm für seinen Neffen etliche ihrer Ansicht nach höchst verlockende Angebote, wenn dieser nur von seinen Reden abließe: Sie würden ihn zum König wählen oder ihn zum reichsten Mann machen, indem sie ihr Geld für ihn zusammenlegten; oder sie wollten ihm ihre schönsten Töchter zur Frau geben. Sie würden ihm geben, was immer er wolle, wenn er nur aufhörte zu predigen. Doch der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – wies ihr Ansinnen mit den klaren und eindeutigen Worten zurück: “Ich wünsche von euch gar nichts, weder Hab noch Gut, noch Macht oder Herrschaft! Alles, was ich will, ist dies: dass ihr von der Verehrung der Götzen ablasst, und Allāh, den alleinigen Gott, anbetet!”[6]

Da der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zu keinerlei Kompromissen bereit war, verlegten sich die Ungläubigen auf feindseliges Verhalten. Von Tag zu Tag verschärften sie ihre Unterdrückung und Misshandlung der Muslime. Aus diesem Grund wanderte eine Gruppe der Muslime nach Abessinien aus, welches zu jener Zeit unter der Herrschaft eines gerechten Königs stand.

Die Ungläubigen brachen damals sämtliche Beziehungen zu den Muslimen und ihren Beschützern, den Banū Hāschim ab, verboten allen Handel mit ihnen und untersagten alle Verbindungen zwischen den Familien, wie Eheschließungen und dergleichen. Sie verfassten dahingehend ein förmliches Schreiben, das an der Wand der Ka‘ba angeheftet wurde. Diese Ächtung und dieser Ausschluss wurden drei Jahre lang mit voller Härte eingehalten. So kam es, dass die Muslime große Not und schlimmen Hunger litten.

Der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – reiste in Begleitung des Zayd ibn Hāritha nach Tā’if, eine Stadt, die 160 Kilometer von Mekka gelegen ist. In der Stadt hatte er Verwandte und verbrachte dort zehn Tage. Zunächst spottete man seiner, danach begann man ihn zu beleidigen, und schließlich befahlen sie ihren Sklaven sich am Rand der Wege aufzustellen, die der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – passieren musste, und ihn mit Steinen zu bewerfen. Selbst angesichts dieser üblen Misshandlung, die der Prophet der Gnade und Quell grenzenloser Barmherzigkeit erdulden musste und aus der er blutüberströmt hervorging, verfluchte er sie nicht, sondern hob beide Hände gen Himmel und betete zu Allāh: “O mein Herr! Vor Dir bekenne ich meine Schwäche und Hilflosigkeit, und vor dem Volke stehe ich erniedrigt und verächtlich dar. O Du, der Du der Allerbarmherzigste aller Barmherzigen bist! Solange es nicht Dein Zorn ist, der auf mir lastet, mache ich mir nichts aus der erlittenen Härte und Mühsal! O mein Herr! Lasse mein Volk Rechtleitung erfahren, denn es ist unwissend. O mein Herr! Ich erbitte so lange Deine Vergebung, bis es Dir zur Zufriedenheit gereicht!”[7]

Über seine Rückkehr von Tā’if berichtete der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – in den folgenden Worten: “Ich befand mich auf dem Rückweg, und mein Herz war von tiefer Trauer erfüllt. Ich konnte mich nicht fassen, bis ich an den Ort gekommen war, der Qarn al-Tha‘ālib heißt. Dort hob ich den Kopf und blickte um mich und sah, dass eine Wolke mit mir ging, die mich beschattete. Als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass Jibrīl – Friede sei mit ihm – sich in dieser Wolke befand. Er rief mir zu: ‚Allāh, der Erhabene, hörte, was dein Volk zu dir sprach und wie sie dir den Schutz verweigerten. Er unterstellt dir den Engel des Gebirges, auf dass du an ihnen handelst, wie immer es dir beliebt.‘ Der Engel des Gebirges grüßte mich alsdann und sprach: ‚O Muhammad! Allāh, der Erhabene, schickt mich zu dir, damit ich ausführe, was auch immer du mir befiehlst. Was willst du, dass ich tue? Wenn du es wünschst, lasse ich diese beiden Berge über ihren Köpfen zusammenstürzen!‘ ‚Nein‘, antwortete ich ihm, ‚ich bitte Ihn vielmehr darum, dass Er aus ihrem Stamm eine Nachkommenschaft hervorbringt, die Allāh allein verehrt und die Ihm keine Partner zur Seite stellt.‘ “[8]

In diesen Tagen bekehrte sich eine Gruppe von Leuten aus Medina zum Islam. Sie begannen in ihrer Stadt vom Islam zu sprechen und schickten dem Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – eine Nachricht mit der Bitte, ihnen einen Kundigen zu senden um sie zu unterweisen. Binnen kurzer Zeit gab es kein Haus mehr, in dem nicht der Islam Einzug gehalten hätte. Schließlich luden sie den ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – ein nach Medina zu kommen und verpflichteten sich zu seinem Schutz.



[1].      Qur’ān, 96:1.

[2].      Siehe al-Bukhārī, Tafsīr 26:2; Ahmad, Bd. I, 159 u. 111.

[3].      Qur’ān, 38:86.

[4].      Im Qur’ān, 29:48, heißt es: {Und nie zuvor hast du in einem Buch gele-sen, noch konntest du eines mit deiner Rechten schreiben; sonst hätten die Verleugner daran gezweifelt.}

[5].      Siehe al-Wāhidī, Asbāb al-Nuzūl, S. 219; al-Tirmidhī, Tafsīr, 6/3064.

[6].      Siehe Ibn Kathīr, al-Bidāya, Bd. III, S. 99-100.

[7].      Ibn Hischām, Bd. II, S. 29-30; al-Haythamī, Bd. VI, S. 35.

[8].      Siehe al-Bukhārī, Bad’ al-Khalq, 7; Muslim, Jihād, 111.