2. Die wundersame Natur des heiligen Qur’ān

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Alle Propheten vollbrachten zahlreiche Wunder, die jeweils den Erfordernissen ihrer Zeit entsprachen. Zur Zeit des Propheten ‘Īsā – Friede sei mit ihm – war die meistgeachtete Wissenschaft die Heilkunde und die höchstangesehenen Leute waren die Ärzte. Deshalb wurden dem Propheten ‘Īsā Wunder ermöglicht, die selbst die Ärzte in hilfloses Staunen versetzten, zum Beispiel, dass er Blinde sehend machte und Tote zum Leben erweckte. Zur Zeit des Propheten Mūsā – Friede sei mit ihm – wurde durch Zauberei viel Staunenswertes bewirkt; darum wurden diesem Propheten Wunder gegeben, welche die Zauberer verstummen ließen. Zur Zeit des Propheten Muhammad – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – standen jedoch bei den Arabern Prosodie und Rhetorik hoch im Kurs, das heißt, die Kunst des gesprochenen Wortes wurde ausgiebig gepflegt. Aus diesem Grunde wurde ihm als Wunder der heilige Qur’ān gegeben, der die höchstmögliche Stufe der Sprachgestaltung aufs Vollkommenste verkörpert.[1]

Aufgrund seiner sprachlichen Eleganz, seiner gesetzgebenden Eigenschaft, sowie des in ihm enthaltenen Wissens und der zahlreichen Enthüllungen verborgener Dinge ist der Qur’ān in vielerlei Hinsicht ein gewaltiges, Ehrfurcht heischendes Wunder.[2] Als die Leugner nicht an den Qur’ān glauben wollten, forderte Allāh, der Erhabene, sie heraus. Möchten sie doch die gesamte Schöpfung zu Hilfe rufen und zusehen, ob sie, wenn schon nicht einen ganzen, so doch gewisse Teile eines dem Qur’ān ähnlichen Textes zustande brächten:

{Und wenn ihr im Zweifel über das seid, was Wir auf Unseren Diener herabgesandt haben, so bringt doch eine Sure gleicher Art hervor; und ruft eure Zeugen anstelle von Allāh herbei, wenn ihr wahrhaftig seid. Und wenn ihr es nicht tut – und ihr werdet es nie tun können! –, dann fürchtet das Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind, welches für die Ungläubigen bereitet ist.}[3]

Der in diesem letzten Vers verwendete Ausdruck {und ihr werdet es nie tun können!} spiegelt ein Gefühl absoluter Gewissheit und beispielloser Sicherheit wider, wie sie nur ein Wesen besitzen kann, das über grenzenloses Wissen und unendliche Macht verfügt und absolut frei von jeglichem Fehler und Irrtum ist, das heißt, Allāh, der Allmächtige allein. Tatsächlich kann keiner außer Allāh so entschieden urteilen und derartige bedingungslose Aussagen über die Zukunft machen, die doch vom menschlichen Standpunkt aus zum unbestimmbaren und unerkennbaren Unbekannten zählt.

Die Ungläubigen vernahmen diese göttliche Rede, die ihnen ihre Unfähigkeit verkündete, und sie waren davon betroffen und ihr Ehrgeiz war angestachelt, doch sie konnten nichts tun. Dieser Vers verbreitete die Nachricht ihres Unvermögens von Mund zu Mund weit und breit, dokumentierte ihre Schwäche und lähmte gleichsam ihre Zungen.[4]

Da die heidnischen Araber der Herausforderung des Qur’ān nichts entgegenzusetzen hatten, verlegten sie sich stattdessen auf aggressives Gebaren und produzierten Verleugnung, Provokation, Beleidigungen und Verleumdungen. “Hört nicht auf diesen Qur’ān!”, sagten sie, “redet störend dazwischen, auf dass ihr euch durchsetzt!”[5], womit sie eindeutig zu verstehen gaben, dass sie der göttlichen Macht restlos unterlegen waren.

Der heilige Qur’ān ist weder Poesie noch Prosa, er ist vielmehr von einem Stil, der die Vorzüge der Poesie und der Prosa auf beispiellose Weise vereint. Er besitzt eine Schönheit, die weder in der Dichtkunst noch in der Musik zu finden ist. Auch bei wiederholtem Vortrag der Suren empfindet der Leser oder Zuhörer keine Monotonie, sondern alle menschlichen Sinne nehmen an den beständig wechselnden und sich erneuernden Klängen gleichermaßen Teil.[6]

Der heilige Qur’ān wirkt auf die Herzen. Die drei Erzheiden unter den Arabern, Abū Sufyan, Abū Jahl und al-Akhnas ibn Scharīq, waren ständig bemüht, die Leute am Zuhören zu hindern, wenn der heilige Qur’ān vorgetragen wurde. Bei Nacht aber schlichen sie heimlich zum Haus des ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – um ihn beim Rezitieren des Qur’ān zu belauschen. Als sie dort zufällig aufeinander stießen, machten sie einander erbost Vorhaltungen. Doch dieser Vorfall wiederholte sich in drei aufeinanderfolgenden Nächten, bis sie schließlich übereinkamen: “Niemand soll es erfahren! Sollten die Leute davon Wind bekommen, bei Allāh, welche Schande wäre das für uns! Danach hätte unser Wort keinerlei Gewicht mehr!” Und nachdem sie einander gegenseitig für ihr Verhalten getadelt hatten, beschlossen sie gemeinsam, dies nie wieder zu tun.[7]

Der heilige Qur’ān wendet sich gleichzeitig an alle Menschen entsprechend ihrer jeweiligen Stufe, wenn sie auch in verschiedenen Zeiten und Ländern leben und einen unterschiedlichen Rang an Wissen besitzen. Ein Vers, der verschiedene Deutungsmöglichkeiten besitzt, wird von den ersten Generationen von Muslimen ihrer Situation entsprechend ausgelegt, und von späteren Muslimen nach ihrem Grad von Wissen, den sie erreicht haben. Zu diesem Thema schreibt der große arabische Schriftsteller Mustafā Sādiq al-Rāfi‘ī: “Eines der Wunder des heiligen Qur’ān ist, dass er gewisse Wahrheiten, die nicht in jeder Zeit bekannt sind, in Worten verwahrt, die jedes Zeitalter kennt, und dass er, wenn die Zeit gekommen ist, diese Wahrheiten ans Licht bringt und bekannt macht.”[8]



[1].      Siehe Qur’ān 29:50-51; al-Bukhārī, I‘tisam, 1, Fadā’il al-Qur’ān, 1; Muslim, Īmān, 279. Neben dem Wunder des Qur’ān, das bis zum Jüngsten Tage bewahrt bleiben wird, sind von unserem Propheten – Segen und Friede seien auf ihm – zahllose weitere Wunder überliefert, die viele Bände füllen. Siehe z.B. al-Bayhaqī, Dalā’il al-Nubuwwa (7 Bde.), Beirut 1985; Abu Nu‘aym al-Isfahānī, Dalā’il al-Nubuwwa (2 Bde.), Aleppo 1970-1972; al-Suyūtī, al-Khasa’is al-Kubrā (3 Bde.), Istanbul 2003; sowie al-Nabhānīs 1000-seitiges Werk Hujjat Allāh ‘alā al-‘Ālamīn bi-Mu‘jizāt Sayyid al-Mursalīn.

[2].      Dr. Muhammad Sa‘īd Ramadān al-Būtī, Min Rawā’i al-Qur’ān, S. 125.

[3].      Qur’ān, 2:23-24.

[4].      M. S. Rāfi‘ī, I‘jāz al-Qur’ān, Beirut 2003, S. 142.

[5].      Siehe Qur’ān, 41:26.

[6].      Siehe hierzu Prof. Dr. Muhammad ‘Abd Allāh Drāz, al-Naba’ al-‘Azīm, S. 102.

[7].      Ibn Hischām, Bd. I, S. 337-338; al-Tabarī, Tārīkh, II, 218-219, Ibn al-Athīr, Tārīkh al-Kāmil, Bd. II, S. 63-64, Ibn Sayyid al-Nās, ‘Uyūn al-Athar, Bd. I, 99; al-Dhahabī, Tārīkh al-Islām, S. 160; Ibn Kathīr, al-Bidāya, Bd. III, S. 47; al-Halabī, Insān al-‘Uyūn, Bd. I, S. 462.

[8].      Mustafā Sādiq al-Rāfi‘ī, Wahyi al-Qalam, Kuwait, Bd. II, 66.