2. Reinlichkeit

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Der Islam fördert jede Art von Reinlichkeit, sowohl die körperliche Sauberkeit als auch die spirituelle Lauterkeit, und er lehrt, wie diese zu erreichen sind. Im heiligen Qur’ān lesen wir: {Wahrlich, Allāh liebt diejenigen, die sich (Ihm) reuevoll zuwenden und die sich reinigen.}[1]

Und der ehrwürdige Prophet – Segen und Friede seien auf ihm – sagte: “Allāh ist rein und liebt die Reinheit.”[2]

Es fällt auf, dass der ehrwürdige Prophet sein Leben lang sehr auf jede Art von Sauberkeit achtete. Wenn er zum Beispiel in die Moschee ging, einen Besuch machte oder vor eine öffentliche Versammlung trat, kleidete er sich sorgfältig in reinen Gewändern, rieb sich mit wohlriechendem Duftöl ein und achtete peinlichst darauf, nichts zu essen, was andere als störend empfinden könnten, wie etwa rohe Zwiebeln oder Knoblauch. Abū Qursāfa – möge er Allāh wohlgefallen – war einer von denen, die dies bezeugten und davon berichteten. Er sagte:

“Ich begab mich zusammen mit meiner Mutter und meiner Tante zum ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – um den Treueid [bay‘a] abzulegen. Als wir seine Gegenwart verließen, sagten meine Mutter und meine Tante zu mir: ,Mein liebes Kind, einen solchen Menschen haben wir noch nie gesehen! Wir kennen keinen, dessen Antlitz schöner wäre, dessen Kleider sauberer und dessen Worte sanfter wären als die seinen. Es war, als sprühte Licht aus seinem Munde.‘ “[3]

Der Islam brachte ein System, das sich auf die Prinzipien der Sauberkeit, Reinheit und Gefälligkeit gründet. Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte: “Die Sauberkeit ist die Hälfte des Glaubens”[4], und das Kapitel über die Reinheit [tahāra] ist das Anfangskapitel fast aller Werke der Überlieferungen [hadīth] und Rechtswissenschaft [fiqh]. Die Reinheit ist eines der Grundprinzipien unserer Religion, und manche Formen von Gottesdienst sind nicht annehmbar und dürfen nicht durchgeführt werden, bevor man nicht sich selbst und den Ort der Verrichtung gereinigt hat. An dieser Stelle werden beispielsweise die Regeln für das Aufsuchen der Toilette hervorgehoben, wo ein Muslim darauf zu achten hat, dass er seine Kleider nicht bespritzt oder besudelt, sowie dass er sich abschließend gründlich von möglichen Verunreinigungen säubert. Der Ausspruch des Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden: “Ein Großteil der Heimsuchungen des Grabes rührt daher, dass man sich nicht gebührlich von Exkrementen gereinigt hat”[5], dient dazu, die Gemeinde zu ermahnen, sich in dieser Hinsicht äußerst gewissenhaft zu verhalten.

Der Islam gebietet uns, täglich mindestens fünf Mal die Teile unseres Körpers zu waschen und sauber zu halten, die ständig mit Schmutz und Krankheitserregern in Berührung kommen, das heißt, die Hände, Mund, Nase, Gesicht, Kopf, Ohren, Hals und Füße. Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte: “Der Schlüssel zum Paradies ist das Gebet und der Schlüssel zum Gebet ist die Reinlichkeit.”[6] Auf diese Weise kleidet der Islam die jedem Menschen unentbehrliche Sauberkeit im Gewand einer sakralen Handlung und sorgt dafür, dass die Menschen im Verlauf der Reinigung einen Anflug von Andacht erleben.

Ein anderer Punkt, der dem Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sehr wichtig war, ist die Säuberung des Mundes. Darum empfahl er seiner Gemeinde den Gebrauch des Zahnholzes [miswak] zu verschiedenen Zeiten, aber vor allem vor der Gebetswaschung [wudū’].[7] Auch wünschte er, dass man sich vor und nach dem Essen die Hände wasche, um dadurch den Segen des Mahls zu mehren.[8]

Einige andere grundsätzliche Regeln von Sauberkeit und Anstand, die Allāhs Gesandter uns lehrte, sind unserer Natur entsprechend die Beschneidung, die Entfernung der Schamhaare, das Kurzschneiden der Nägel, die Entfernung der Achselhaare, die Pflege des Barthaars und das Stutzen des Schnurrbarts.[9]

Ebenso viel Wert wie auf die Reinlichkeit seiner Kleidung legte der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – auf Gepflegtheit und Ordnung. Einmal betrat ein strubbeliger Mensch den Gebetsraum, in dem sich der Prophet aufhielt. Durch Handzeichen bedeutete ihm der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, dass er sich Haare und Bart kämmen solle.[10]

Ebenso missfiel es dem ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden –, wenn seine Kleidung unangenehm roch. So kam es, dass er einmal ein Gewand ablegte, als er bemerkte, dass es nach Wolle roch, nachdem er es nassgeschwitzt hatte. Dies berichtete unsere ehrwürdige Mutter ‘A’ischa – möge Allāh mit ihr zufrieden sein –, die zugleich diejenige war, die uns berichtet, dass der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – die Wohlgerüche stets sehr schätzte.[11]

Die edlen Prophetengefährten waren überwiegend Leute, die sich um ihren eigenen Lebensunterhalt kümmerten. Sie gingen bis zum Freitagsgebet ihrer Arbeit nach und wenn die Gebetszeit anbrach, ließen sie von der Arbeit ab und gingen hinein zum Gebet. Darum kam es manchmal vor, dass sie nach Schweiß rochen. Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte daraufhin zu ihnen: “Wenn ihr doch nur am Jumu‘a (Freitag) ein Bad genommen hättet!”[12]

Die Muslime schreiben das Hadīth “Sauberkeit ist die Hälfte des Glaubens” gerne als kunstvolle Kalligraphie aus, um es an den Wänden ihrer Häuser und Moscheen aufzuhängen. Darauf verwenden sie oft große Mühen. Der große Baumeister Sinan arbeitete bis zum Ende seines Lebens daran, in jedem Winkel des osmanischen Reiches verschiedene Bauten, Wasserläufe, Brunnen und Badehäuser [hammām] zu errichten, die der Bequemlichkeit, dem Wohlbefinden, der Sauberkeit und Erfrischung der Gläubigen dienten. Damit in muslimischen Gemeinden für Reinlichkeit gesorgt sei, wurden überall, sogar in den Dörfern, öffentliche Bäder eingerichtet.

Die Muslime achten auf äußerste Sauberkeit in ihren Häusern. Niemals betreten sie ein Wohnhaus mit ihren Straßenschuhen. Jeder Winkel wird so sauber gehalten, dass man das Gebet dort verrichten könnte. Tiere gehören nicht ins Haus, nicht einmal Vögel. M. de Thevenot schrieb über die Reinlichkeit und Gepflegtheit muslimischer Gemeinden wie folgt:

“Die Türken leben ein gesundes Leben und werden selten krank. Die bei uns verbreiteten Nierenerkrankungen und eine Reihe anderer bedrohlicher Krankheiten sind bei ihnen völlig unbekannt, sie kennen nicht einmal ihre Namen. Ich möchte annehmen, dass einer der Hauptgründe für ihre vorzügliche Gesundheit der ist, dass sie sich häufig in ihren Bädern reinigen und dass sie mäßig sind, was Essen und Trinken angeht. Sie essen nämlich recht wenig, und sie essen nicht alles bunt durcheinander wie die Christen.”[13]

Der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – verbot strengstens das Verschmutzen häufig genutzter Wege, Schattenplätze, Baumunterstände, Mauern und allgemein aller Plätze, die zum Ausruhen und zur Erholung dienen. Eines Tages bemerkte der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden, – dass jemand in der Moschee in der Gebetsrichtung [qibla] auf den Boden gespuckt hatte. Er ging hin und reinigte die Stelle eigenhändig. Auf seinem gesegneten Antlitz waren Spuren des Zorns zu erkennen.[14]

In einem seiner Aussprüche erwähnte er dies, indem er sagte: “Mir wurden die guten wie die schlechten Taten meiner Gemeinde gezeigt. Zu den guten Taten, die ich sah, gehörte, dass jemand etwas Störendes von der Straße aufhob und entfernte. Zu den schlechten Taten zählte, dass einer in der Moschee ausspuckte und seinen Auswurf nicht beseitigte.”[15]

In diesem Hadīth ist speziell vom Ausspucken in der Moschee die Rede. Die Moscheen sind Gebetsräume zur Verehrung Allāhs; sie sind aber auch einfach Versammlungsräume für die Gemeinde. Gläubige, denen die Sauberkeit dieser gesegneten Plätze ein Anliegen ist, werden mit derselben Sorgfalt auf die Sauberkeit öffentlich genutzter Plätze achten, sowie auf die der Straßen, Gassen und Wege, auf denen sie verkehren. Denn der Islam befiehlt uns, solche Orte sauber zu halten und von allem Störenden und Hinderlichen zu befreien. Allāhs Gesandter – Segen und Friede seien auf ihm – betonte dies mit großem Nachdruck. Als der Kalif ‘Umar den Abū Mūsā al-Asch‘arī als Statthalter nach Basra entsandte, trug er ihm zusammen mit seinen übrigen Pflichten auch die Straßenreinigung auf.[16]

Der Überlieferung zufolge schuldete einmal ein Zarathustrier dem großen Rechtsgelehrten Imām Abū Hanīfa eine gewisse Summe. Dieser begab sich mit der Absicht, das Geld einzufordern, zum Hause des Zarathustriers. Als er an die Tür des Hauses gekommen war, trat er mit dem Schuh in etwas Schmutziges. Als er versuchte, den Schmutz abzuschütteln, spritzte etwas davon an die Hauswand des Zarathustriers. Abū Hanīfa stutzte und wusste nicht recht, was er tun sollte. Er sagte zu sich selbst: “Wenn ich die Wand in diesem Zustand lasse, bin ich schuld, dass die Hauswand des Zarathustriers übel aussieht; wenn ich aber darangehe, sie zu reinigen, fällt der Lehmverputz von der Wand.” So klopfte er an die Haustür und bat den Bediensteten, der ihm öffnete: “Bitte sag dem Hausherrn, dass Abū Hanīfa ihn an die Tür bittet.” Der Mann kam heraus, wobei er dachte, dass Abū Hanīfa sein Geld einfordern wolle, und begann sogleich, seine Ausreden vorzutragen. Doch Abū Hanīfa sagte: “Das ist im Moment gar nicht so wichtig”, erklärte ihm die Sache mit der Hauswand und fragte, wie er sie säubern solle. Diese Feinfühligkeit und Großherzigkeit rührten den Zarathustrier im Innersten seines Herzens und er erwiderte: “Ich will zunächst einmal mit der Reinigung meiner eigenen Seele beginnen”, und er bekannte sich auf der Stelle zum Islam.



[1].      Qur’ān, 2:222.

[2].      Al-Tirmidhī, Adab, 41/2799.

[3].      Al-Haythāmi, Bd. VIII, S. 279-280.

[4].      Muslim, Tahāra, 1.

[5].      Ibn Mājah, Tahāra, 26.

[6].      Ahmad, Bd. III, 340.

[7].      Siehe al-Bukhārī, Jumu‘a, 8; Tamannī, 9; Saum, 27; Muslim, Tahāra, 42.

[8].      Siehe al-Tirmidhī, At‘ima, 39/1846.

[9].      Al-Bukhārī, Libās, 63-64.

[10].     Al-Muwatta‘, Scha‘ar, 7; al-Bayhaqī, Schu‘āb, Bd. V, S. 225.

[11].     Abū Dāwūd, Libās, 19/4074.

[12].     Al-Bukhārī, Jumu‘a, 16; Buyu‘, 15; Muslim, Jumu‘a, 6.

[13].     M. de Thevenot, Relation d’un voyage fait au Levant, Paris. 1665, S. 58.

[14].     Muslim, Masājid, 52; al-Bayhaqī, Sunan al-Kubrā, Bd. I, 255.

[15].     Muslim, Masājid, 58. Zu jener Zeit lagen in den Gebetsräumen keine Teppiche oder Matten, sondern der Boden war sandbedeckt. Darum kam es von Zeit zu Zeit vor, dass jemand auf den Boden spuckte.

[16].     Al-Dārimī, Muqaddima, 46.