1. Die Umwelt

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Allāh, der Allmächtige, teilt uns mit, dass Er unsere ganze Umgebung zum Nutzen der Menschheit eingerichtet hat. Um unsere Dankbarkeit dafür in gebührender Weise zum Ausdruck zu bringen, sollten wir unsere Umgebung wie ein anvertrautes Gut behandeln, für das wir die Verantwortung tragen. Denn wenn wir verächtlich mit unserer Umwelt umgehen und sie in zerstörerischer und verschwenderischer Art und Weise missbrauchen, ist dies nichts anderes als ein Ausdruck von Undank, dessen Schaden wir letztendlich selbst zu tragen haben. Allāh, der Erhabene, spricht:

{Unheil ist auf dem Festland und auf dem Meer erschienen in Folge dessen, was die Hände der Menschen erworben haben; auf dass Er sie dadurch etwas von dem kosten lasse, was sie angerichtet haben, damit sie (reuig) umkehren.}[1]

Dabei hatte Allāh, der Erhabene, zuvor schon verkündet: {Er hat den Himmel hoch aufgerichtet und die Waage aufgestellt, auf dass ihr das Maß nicht über­schrei­tet.}[2]

Doch die Menschen hörten nicht auf Seine Warnung und müssen nun die üblen Folgen tragen.

Ein Muslim spiegelt den Frieden und die Schönheit, die er im Herzen trägt, wider und wirft einen Abglanz davon auf seine Umgebung, so dass er sich gegenüber seinen Mitmenschen, den Tieren und Pflanzen, ja sogar gegenüber der unbeseelten Natur, gut beträgt. Er achtet stets darauf, keiner Kreatur ein Leid zuzufügen.

     Eines Tages zog ein Leichenzug an unserem ehrwürdigen Propheten vorüber – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – woraufhin dieser sagte: “Entweder hat er Ruhe gefunden, oder andere haben Ruhe vor ihm gefunden.” Da fragten ihn die Prophetengefährten: “O Gesandter Allāhs, was meintest du mit deinem Ausspruch: ‚Entweder hat er Ruhe gefunden, oder andere haben Ruhe vor ihm gefunden.‘?” Allāhs Gesandter – Segen und Friede seien auf ihm – erwiderte: “Wenn ein gläubiger Gottesdiener diese Welt verlässt, findet er Ruhe vor dem Überdruss und den Schwierigkeiten dieser Welt und geht ein in Allāhs Barmherzigkeit. Wenn aber ein Sünder und schlechter Mensch stirbt, werden die Menschen, Länder, Bäume und Tiere von ihm befreit und haben ihre Ruhe vor ihm.”[3]

Die Menschen müssen überall und jederzeit unbedingt alles vermeiden, was andere stören könnte. Das Gelände, die Gewässer, die Luft und den Anblick der Städte, Ortschaften und Dörfer, in denen wir leben, zu verschmutzen und mit unserem Abfall und Unrat anzufüllen, ist ein Verhalten, das in keiner Weise der Würde und Ehre des Menschen entspricht. Es ist eine Rücksichtslosigkeit sowohl uns selbst als auch unseren Mitmenschen gegenüber. Ein Muslim überlegt sich, dass die Plätze, die er verschmutzt, einen anderen stören können, und dass die Schönheit der Natur dadurch beeinträchtigt wird. Es ist für ihn selbstverständlich, dass ein gläubiger und mündiger Mensch seinen Abfall nicht am Straßen- oder Wegrand oder gar an Picknickplätzen deponiert, das heißt, dass er seine Essenreste, leere Flaschen, Dosen und Verpackungen nicht einfach liegen lässt, und dass er sich nicht in einer Weise benimmt, die seine Mitmenschen oder auch Tiere belästigen könnte. Denn der ehrwürdige Prophet – Segen und Friede seien auf ihm – sah es als zum Glauben gehörig an, Zweige oder Dornengestrüpp zu entfernen, die einen Passanten stören könnten,[4] und teilte uns mit, dass Allāh jene Menschen nicht liebt, die anderen eine Last sind. Mu‘ādh ibn Anas – Allāh schenke ihm Sein Wohlgefallen – berichtet:

“Ich war mit dem Gesandten Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – zu einem Kriegszug aufgebrochen. Die Krieger beengten die Quartiere und versperrten die Wege. Daraufhin entsandte der Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – einen Ausrufer, der den Soldaten folgende Mitteilung machte: ‚Wer einen Platz beengt oder den Weg versperrt (oder einem Gläubigen Schaden zufügt), der hat keinen Anteil am Kampf für die Sache Allāhs [jihād].‘ “[5]

Hier teilt uns der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – mit, welch großes Vergehen es ist, Wege oder Plätze unnötig zu versperren oder Allāhs Diener irgendwie zu belästigen, und dass jene, die so etwas tun, den göttliche Lohn für ihre guten Werke einbüßen. Im Hinblick darauf ist jede Art von belästigendem Verhalten, wie beispielsweise wahllos seinen Müll fortzuwerfen, auf die Straße zu spucken, sein Auto achtlos abzustellen oder Dinge, die Vorübergehende behindern könnten, in den Weg zu stellen, unbedingt zu vermeiden.

Die Muslime pflegten stets darauf zu achten, neben ihren Mitmenschen auch keine anderen Lebewesen zu behelligen, und sie bemühten sich, diesen ebenso zu dienen, da auch sie Allāhs Geschöpfe sind. Der berühmte französische Schriftsteller Montaigne bemerkte, dass “die muslimischen Türken sogar für Tiere fromme Stiftungen und Spitäler eingerichtet haben.” Der französische Advokat Guer, der im siebzehnten Jahrhundert das osmanische Reich bereiste, erwähnt ein Hospital zur Behandlung kranker Hunde und Katzen in Damaskus. Prof. Dr. Sibai berichtet Folgendes über derlei Einrichtungen:

“In der alten Tradition des Stiftungswesens gab es Plätze für die Behandlung und zum Weiden kranker Tiere. Die ‚grüne Weide‘ in Damaskus (die heute als Sportstadium der Stadt genutzt wird) war früher ein gestifteter Weideplatz für ausgediente Arbeitstiere, deren Eigentümer diese nicht mehr fütterten und versorgten, weil sie ihre Arbeitskraft verloren hatten. Dort weideten die Tiere bis zu ihrem Tod. Unter den Stiftungen in Damaskus gab es eigens für Katzen eingerichtete Plätze, an denen diese essen, schlafen und sich ergehen konnten. Hunderte von Katzen hatten dort dank dieser Einrichtung mühelos ihr tägliches Auskommen.”

Der Islam, der allen lebenden Wesen einen so hohen Wert einräumt, behandelt natürlich auch Bäume und die grüne Umgebung mit ähnlicher Sorgfalt. Der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sprach: “Selbst wenn der Jüngste Tag schon angebrochen sein sollte, während einer von euch einen Keimling in der Hand hält, soll er ihn pflanzen, wenn er kann, bevor der Jüngste Tag ihn überkommt.”[6]

Abū Dardā’, einer der hervorragenden Prophetengefährten – Allāh schenke ihm Sein Wohlgefallen – pflanzte in Damaskus einen Baum. Da kam jemand auf ihn zu und fragte voller Verwunderung: “Du bist einer der Gefährten des ehrwürdigen Propheten und du beschäftigst dich damit, Bäume zu pflanzen?” Abū Dardā’ antwortete ihm: “Halt ein und urteile nicht überschnell! Ich hörte den ehrwürdigen Propheten – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – wie er sprach: ‚Wenn jemand einen Baum pflanzt und ein Mensch oder ein anderes Geschöpf Allāhs essen von den Früchten dieses Baumes, werden diese demjenigen, der den Baum gepflanzt hat, als wohltätige Spende angerechnet.‘ “[7]

Auch sprach der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden: “Wer (unnötig) einen Lotusbaum [sidra] fällt, dessen Haupt wird Allāh ins Höllenfeuer zerren.”[8]

Außer dem Bezirk von Mekka erklärte der ehrwürdige Prophet auch die Bezirke um Medina und Tā’if zu heiligen Bezirken [haram], innerhalb derer es verboten ist, Bäume zu fällen, die Pflanzenbedeckung zu zerstören oder Tiere zu jagen.[9]

Über die Weidefelder der Banū Harītha sagte er – Segen und Friede seien auf ihm: “Wer hier einen Baum fällt, soll unbedingt an seiner Stelle einen neuen pflanzen.”[10]

Indem der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – bei jeder Gelegenheit auf den Schutz und die Pflege der Umgebung hinwies, zog er eine Gemeinde heran, die der gesamten Schöpfung mit Achtung und Wohlwollen begegnete. Die Ansprache des ersten Kalifen Abū Bakr al-Siddīq – Allāh gewähre ihm Sein Wohlgefallen – an die Soldaten, die sich für einen Feldzug bereit machten, ist ein deutliches Zeugnis dafür:

“Übt keinen Verrat, veruntreut kein erbeutetes Gut, begeht kein Unrecht und verstümmelt niemanden, indem ihr ihm Ohren, Nase oder andere Körperteile abschneidet; tötet keine Kinder, Alten oder Frauen! Schneidet nicht die Dattelpalmen bis auf die Wurzel ab und verbrennt sie nicht; tötet keine Schafe, Rinder und Kamele, außer dem, was ihr davon essen werdet! Ihr werdet Menschen begegnen, die sich in Klöster zurückgezogen und sich dem Gottesdienst geweiht haben; lasst sie in Frieden und überlasst sie ihrem Gottesdienst …”[11]

Comte de Bonneval bezeugte ebenfalls diese Feinfühligkeit der Muslime und äußerte sich erstaunt darüber mit den Worten: “In den Ländern der Osmanen sieht man Türken, die sogar so weit gehen, Arbeiter anzuheuern und Geld zur Verfügung zu stellen, um nichtfruchtende Bäume täglich zu gießen, damit diese in der Hitze nicht verdorren.”[12]



[1].      Qur’ān, 30:41.

[2].      Qur’ān, 55:7-8.

[3].      Al-Bukhārī, Riqāq, 42; al-Nasā’ī, Janā’iz, 48; Ahmad, Bd. V, 296, 302 u. 304.

[4].      Muslim, Īmān, 58.

[5].      Abū Dāwūd, Jihād, 88/2629; Ahmad, Bd. III, 441.

[6].      Ahmad, Bd. III, 191 und 183.

[7].      Ahmad, Bd. VI, 444; siehe auch Muslim, Musāqāt, 7.

[8].      Abū Dāwūd, Adab, 158-159/5239.

[9].      Abū Dāwūd, Manāsik, 96; M. Hamīdullah, İslam Peygamberi, Istanbul 2003, Bd. I, S. 500; al-Wathā’iq, Beirut 1969, S. 236-238 u. 240; Ali Rıza Temels Artikel İslam’a Göre İnsan Çevre İlişkisi in İnsan ve Çevre, S. 77.

[10].     Al-Balādhurī, Futūh al-Buldān, S. 17; İbrahim Canan, İslam ve Çevre Sağlığı, Istanbul 1987, S. 59-60.

[11].     Al-Bayhaqī, Sunan al-Kubrā, Bd. IX, 85; ‘Alī al-Muttaqī, Kanz, Nr. 30268; Ibn al-Athīr, al-Kāmil, Beirut 1987, Bd. II, S. 200.

[12].     Zitiert von İsmail Hami Danışmend in seinem Werk Eski Türk Seciye ve Ahlakı [Wesensart und Charakter der alten Türken].