4. Die Pilgerreise [hajj]

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Die Pilgerfahrt nach Mekka [hajj] ist eine Form des Gottesdienstes, die für Muslime einmal im Leben verbindlich ist, sofern sie die erforderliche Gesundheit und die Mittel dazu besitzen. Sie besteht aus dem Besuch der Ka‘ba während bestimmter, festgelegter Tage des Jahres, an denen eine Reihe spezieller ritueller Handlungen ausgeführt werden. Während der Pilgerfahrt widmen sich die Pilger verstärkt der Andacht, den Gebeten und dem Gedenken Allāhs. Bei jeder Verrichtung gedenken sie Seiner und vertiefen in ihren Herzen die Liebe zu Ihm. Gleichzeitig erlernen sie dabei Tugenden wie Demut, Geduld, Hingabe, begreifen die eigene Geringfügigkeit und üben gegenseitige Hilfeleistung, reine Absicht sowie disziplinierte Einteilung von Zeit und Handeln. Zudem erfahren sie dadurch eine Vorbereitung auf den Tod und die Auferstehung und lernen, keiner Pflanze und keinem beseelten Wesen Schaden zuzufügen sowie sich aller negativen Gedanken und Gefühlsäußerungen zu enthalten. Während die Pilgerfahrt äußerlich aus einer Reihe von symbolischen Handlungen zu bestehen scheint, setzt sie sich in Wirklichkeit aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Vorgänge zusammen, die an verschiedenen Orten auszuführen sind und diverse spirituelle Übungen beinhalten. Unweigerlich frommt dabei jedem Pilger der eine oder andere Aspekt.

Die Pilgerreise richtet den Menschen auf ein inneres, seelisches Leben aus, weil diese äußerst subtile Form des Gottesdienstes Mitgefühl, Erbarmen und Nächstenliebe in beispielhafter Weise darstellt. Das Jagen ist während der Hajj verboten, sogar einen Jäger auf Jagdbeute hinzuweisen ist nicht erlaubt; man darf keiner Fliege etwas zuleide tun oder sinnlos ein grünes Blatt vom Baume reißen, noch einer Kreatur in irgendeiner Weise Schaden zufügen.

Dadurch, dass die Muslime sich als Pilger zur selben Zeit am selben Ort einfinden, wird ihnen eine Erfahrung spiritueller Einheit zuteil. Alle auf Herkunftsland, Stammeszugehörigkeit, Hautfarbe und Kleidung beruhende Unterschiedlichkeit entfällt und wird durch die islamische Geschwisterlichkeit ersetzt. Dort finden sich alle ein, der Vorgesetzte und sein Untergebener, der Arme wie der Reiche, der Gelehrte wie der Ungebildete, der Herrscher und sein Untertan, alle in derselben Kleidung an ein und demselben Ort in einer Reihe miteinander. Dort hören die Muslime einander an, teilen ihre Nöte und Beschwernisse und senden Nachrichten an ihre abwesenden Brüder.[1]

Wenn wir die Formen des Gottesdienstes betrachten, die wir hier in aller Kürze gestreift haben, sehen wir, dass der Islam die gesamte Lebensführung betrifft. Der Islam ist keine Religion, die an einem Wochentag erledigt werden kann. Er umfasst vielmehr das ganze Leben in all seinen Aspekten – von der Geburt bis zum Tod und sogar noch über den Tod hinaus. Professor Timothy Gianotti von der York Universität in Toronto beschreibt dies folgendermaßen: “Als ich mich zum Islam bekannte, begriff ich, dass diese Religion zum Ziel hat, die ganze Erde in eine Andachtsstätte zu verwandeln. Das heißt, indem man die täglichen weltlichen Beschäftigungen beiseite legt, ist es nicht nötig, sich in ein Kloster zurückzuziehen, um sich dem Gottesgedenken zu widmen. Das rituelle Gebet, zum Beispiel, ist der einfachste und für alle praktikabelste Weg, um jederzeit Allāhs zu gedenken.”[2]



[1].      Für detailliertere Beschreibungen der verschiedenen Gottesdienste und der ihnen zugrunde liegenden Weisheiten siehe Osman Nûri Topbaş’s Islam – innere Wirklichkeit und äußere Form.

[2].      Ahmet Böken u. Ayhan Eryiğit, Yeni Hayatlar, Bd. I, S. 15-16.