3. Die Pflichtabgabe [zakāt], Almosen [sadaqa] und wohltätige Spenden [infāq]

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Die verbindlich vorgeschriebene jährliche Pflichtabgabe [zakāt] obliegt vermögenden Muslimen, deren Besitz eine bestimmte Grenze überschreitet, und beträgt 2,5 Prozent des Wertes ihrer Güter. Diese Abgabe kann entrichtet werden an: Arme, Bedürftige, die mit dem Einsammeln der Zakāt Betrauten, diejenigen, deren Herzen für den Islam gewonnen werden sollen, Sklaven, die sich loskaufen wollen, an Verschuldete, Kämpfer auf dem Wege Allāhs und Reisende.[1]

Die Einrichtung der Zakāt beschirmt das Gemeinschaftsleben und verbindet die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft in brüderlicher Liebe und Zuneigung, indem einerseits verhindert wird, dass die Reichen sich von ihrem Besitz verführen lassen und zu Maßlosigkeit versteigen, und andererseits, dass die Bedürftigen von negativen Tendenzen wie Neid und Missgunst gegen die Vermögenden ergriffen werden. Es verringert die Ungleichheit zwischen arm und reich, und indem sich somit die Zahl der Notleidenden erheblich reduziert, wird auf diese Weise vielen unerfreulichen Ereignissen, die sonst die Folge wären, vorgebeugt. Der Kalif ‘Umar ibn ‘Abd al-‘Azīz entsandte einmal seinen Bevollmächtigten für die Zakāt-Verteilung in die afrikanischen Gebiete. Der Beauftragte kehrte unverrichteter Dinge zurück, denn er fand niemanden, der als Empfänger der Zakāt in Frage gekommen wäre. Daraufhin erwarb der Kalif mit diesem Geld eine große Anzahl von Sklaven und schenkte ihnen die Freiheit.[2]

Die Einrichtung der Zakāt ist eine Brücke zwischen Menschen verschiedener sozialer Rangstufen, welche zur Einigung der Gemeinschaft beiträgt. Daher sagte der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden: “Die Zakāt ist die Brücke des Islam.”[3] In der Überlieferung Qatādas heißt es: “Die Zakāt ist eine Brücke zwischen dem Paradies und der Hölle. Wer seine Zakāt entrichtet, überquert diese Brücke und geht ein ins Paradies.”[4]

Dabei erwirbt derjenige, der die Zakāt entrichtet, größeren Gewinn von seiner Abgabe als die Bedürftigen der Gemeinschaft, die er damit bedenkt. Tatsächlich reinigt das Geben der Zakāt, deren wörtliche Bedeutung den Begriffen “Sauberkeit”, “Reinheit”, “Zunahme” und “Fülle” entspricht, den Spender von so mancher seelischen Krankheit, befreit ihn von Untugenden und gewährleistet Läuterung und segensreiche Vermehrung seines Besitzes.[5]

Diese Reinigung von Herz und Seele sowie die Korrektur der triebhaften Neigungen unseres Selbst, die auf diese Weise vollzogen wird, ist eine der Weisheiten, die der Sendung der Propheten zugrunde liegen. Zudem zügelt diese Form von Gottesdienst, die im Entrichten der Zakāt besteht, die habsüchtigen und egoistischen Impulse des Menschen.

Das Entrichten der Zakāt ist ein Ausdruck der Dankbarkeit, deren Bezeugung den Vermögenden für die ihnen zuteil gewordenen Segnungen ihres Herrn obliegt. Allāh, der Allmächtige, lässt uns wissen, dass Er den Segen mehrt, sofern nur der Diener seinem Herrn dafür dankt, während demjenigen, der sich als undankbar erweist, harte Strafe bevorsteht.[6]

Wird die Zakāt nicht entrichtet, werden all diese Vorzüge in ihr Gegenteil verkehrt, und sowohl der Einzelne als auch die Gemeinschaft werden von großem Schaden befallen. Der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – kündigte an, dass gewisse Katastrophen die Menschheit zu einer Zeit befallen würden, da man das Entrichten der Zakāt als schwere Bürde anzusehen beginnt, bis dieses nach und nach ganz unterbleibt.[7] Einmal sagte er dazu:

“Eine Nation, die ihre Zakāt nicht entrichtet, wird unweigerlich von einem Mangel an Regen heimgesucht werden, und wäre es nicht um ihrer Tiere willen, so fiele überhaupt kein Regen auf sie.”[8]



[1].      Siehe Qur’ān, 9:60. Für eine ausführlichere Darstellung dieses Themenkreises siehe Osman Nûri Topbaş, Höhepunkte menschlicher Zivilisation: Das Stiftungs- und Spendenwesen im Islam.

[2].      Siehe Prof. Dr. Muhammad Sa‘īd Ramadān al-Būtīs Fiqh al-Sīra, S. 434.

[3].      Al-Bayhāqī, Schu‘ab al-Īmān, Bd. III, S. 20 u. 195; al-Haythāmi, Bd. III, S. 62.

[4].      ‘Abd al-Razzāq, Musannaf, Bd. IV, S. 108.

[5].      Siehe Qur’ān, 9:103 und 34:39.

[6].      Siehe Qur’ān, 14:7.

[7].      Siehe al-Tirmidhī, Fitan, 38/2210, 2211.

[8].      Ibn Mājah, Fitan, 22; al-Hākim, Bd. IV, 583/8623.