2. Das Fasten [saum]

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Das Fasten ist eine Form von Gottesdienst, bei der man sich vom Anbruch der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang des Essens, Trinkens sowie der geschlechtlichen Betätigung enthält. Dieses Fasten wird jedes Jahr den ganzen Monat Ramadān hindurch eingehalten, das heißt einen Mondmonat lang, der entweder neunundzwanzig oder dreißig Tage dauert.

Das Fasten hilft uns unseren moralischen Charakter zu stählen, indem es uns wichtige Qualitäten lehrt, die wir im Lebenskampf brauchen. Dazu gehören Geduld, Willenskraft und die Stärke, uns unserer triebhaften Begierden zu erwehren. Es ist ein Schutzschild, der die Ehre und Würde des Menschen vor den nimmer endenden Gelüsten seiner Triebseele nach Essen, Trinken und Paarung bewahrt. Außerdem hilft uns das Fasten moralische Tugenden wie Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit, Charakterstärke und Geduld zu erwerben. Indem wir durch das Fasten Hunger und Entbehrungen zu spüren bekommen, wird uns der hohe Wert der Segnungen, die wir genießen, bewusst. Unsere Herzen füllen sich dadurch mit Lob und Dankbarkeit gegenüber Allāh sowie mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für Seine Diener. Damit wird das Fasten zu einem überaus wirksamen Gegenmittel im Abwenden von allgemeinem Unbehagen und sozialen Übeln wie Hass, Neid und Eifersucht. Aus diesem Grund ist das Fasten nicht nur dieser Gemeinschaft vorgeschrieben, sondern war auch den Altvorderen verbindlich auferlegt. Allāh, der Erhabene, sagt:

{O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, auf dass ihr Gottesfurcht erlangt. (Es ist) eine bestimmte Zahl von Tagen.}[1]

Damit das Fasten auch spirituellen Nutzen bringt, ist es ratsam, sich von Lügen, Verleumdungen, übler Nachrede und dem Verbreiten von Gerüchten strengstens zurückzuhalten, ebenso wie vom Fluchen, Ausstoßen von Verwünschungen sowie von Streitereien und ganz allgemein von allen schlechten und sündhaften Handlungen Abstand zu nehmen. Der ehrwürdige Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – empfahl den Gläubigen, alle ihnen während des Fastens entgegengebrachten Grobheiten ruhig hinzunehmen. Auf diese Weise kann der Fastende sich schlechte Verhaltensmuster abgewöhnen.

Durch das Fasten gewinnt der Mensch zugleich an Gesundheit und Schaffenskraft. Sogar an den Bäumen können wir dies beobachten: Im Winter werfen sie ihre Blätter ab und begeben sich in eine Ruhephase. Bis zur Eisschmelze im Frühjahr nehmen ihre Wurzeln nicht einmal Wasser auf. Nachdem sie ein paar Monate derart fastend verbracht haben, zeigen sie zum Frühlingsbeginn viel größere Produktivität als zuvor, wie an der Fülle frischer Blätter und Blüten deutlich zu erkennen ist. Und selbst Metalle bedürfen einer Ruhepause, Motoren und Maschinen laufen nicht mehr richtig, wenn sie über Gebühr strapaziert werden. Nach einer Ruhepause arbeiten sie dann wieder so gut wie zuvor.

Nach Ansicht der Mediziner wäre ein Fasten von weniger als dreißig Tagen weniger wirkungsvoll, während ein Fasten von mehr als vierzig Tagen zu einer Gewöhnung führen könnte, die weniger heilkräftig wäre als die Unterbrechung der gewohnten Rhythmen in der Nahrungsaufnahme für begrenzte Zeit. In den letzten Jahren macht im Westen eine neuartige Heilmethode von sich reden, wobei chronische Krankheiten durch je nach dem Zustand des Patienten kürzere oder längere Fastenperioden geheilt werden.[2] Das Fasten unterstützt außerdem die geistigen und psychischen Kräfte und führt sie zu einem gesünderen Zusammenwirken.

Es muss noch gesagt werden, dass es keineswegs Ziel des Fastens ist, den Körper einer Tortur zu unterziehen und ihm Qualen zuzufügen. Der Gesandte Allāhs – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – empfahl Eile beim Aufstehen zum Mahl vor dem Fastenbeginn [sahūr] und beim Fastenbrechen [iftār] bei Sonnenuntergang.[3] Das heißt, der eigentliche Zweck des Fastens besteht darin, seine Pflicht als Gottesdiener zu erfüllen und seiner niederen Triebnatur Schranken aufzuerlegen, um zu wahrer Gottesfurcht zu gelangen. Durch die günstige Entwicklung des Einzelnen und der Gemeinschaft fördert man das Entstehen einer Allāh wohlgefälligen Umgebung.



[1].      Qur’ān, 2:183.

[2].      Siehe Prof. Dr. M. Hamīdullah, İslâm’a Giriş, S. 104.

[3].      Siehe al-Bukhārī, Saum, 45; Muslim, Siyām, 48; al-Tirmidhī, Saum, 17/708.