1. Das rituelle Gebet [salāt]

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Das rituelle Gebet ist eine Form des Gottesdienstes, die mit dem Takbīr (d.h. mit den Worten: Allāhu akbar) begonnen und mit dem Taslīm (d.h. mit den Worten: al-salāmu ‘alaykum wa rahmat Allāh) beendet wird. Es setzt sich aus bestimmten Worten und Handlungen zusammen.[1] Allāh, der Erhabene, hat den Menschen geboten, vor der Ausführung bestimmter Verrichtungen wie des Gebets, der Umschreitung der Ka‘ba oder des Lesens im heiligen Qur’ān eine rituelle Waschung vorzunehmen, so wie Er ihnen auch geboten hat, sich selbst, ihre Kleidung und ihre Umgebung reinzuhalten. Wenn wir uns eingehender mit diesen beiden rituellen Waschungen (wudū’, der Waschung zum Gebet und ghusl, der rituellen Ganzkörperwaschung) beschäftigen, erkennen wir, wie hoch der Islam neben spiritueller Reinheit auch körperliche Reinlichkeit schätzt. Darum beginnen alle Bücher der islamischen Rechtslehre mit dem Kapitel über die Reinlichkeit. Einer der Vorteile des Gebets ist also, dass es den Menschen zu einer sehr sauberen Lebensführung anhält, wobei nicht betont werden muss, welch große Rolle die Reinlichkeit im menschlichen Leben spielt.

Andererseits hält das Gebet den Menschen von der Ausübung verschiedener Übeltaten ab und verhindert, dass er den selbstsüchtigen Interessen und Neigungen seines Egos unbegrenzt nachgeht und ihnen ungehemmt Befriedigung verschafft.[2] Da das Gebet fünf Mal am Tage zu verrichten ist, wird es zum wirkungsvollsten Gegenmittel gegen die Begierden der niederen Triebseele, die den Menschen vom Gottesgedenken abhalten. Es zügelt die Wünsche und Begierden und führt auf jede Weise zu Redlichkeit und auf den geraden Weg.

Während der Gläubige sein Gebet zum Wohlgefallen Allāhs verrichtet, verbessert sich damit zugleich sowohl sein diesseitiges Dasein als auch sein jenseitiges Leben, indem er vor den Lastern und Begierden seines Egos bewahrt wird.

Das Gebet sorgt dafür, dass der Mensch ohne jeden Zweifel begreift, dass Allāh, der Allmächtige, der alleinige und absolute Beherrscher dieses Erdkreises ist, und es gewährleistet, dass der Mensch dies stets von Neuem empfindet.

Das fünfmalige Gebet während eines Tages erlöst den Menschen in gewissen Abständen von der Einförmigkeit seiner gewohnten Alltäglichkeit, so dass er sich immer wieder davon erholen kann. Indem es ihn eine Zeitlang aller weltlichen Sorgen enthebt, ermöglicht es ihm, seiner Ergebenheit und Dankbarkeit gegenüber seinem erhabenen Schöpfer Ausdruck zu verleihen. Gleichzeitig begegnet der Mensch, während er sich in der Sajda niederwirft, sich selbst und findet Gelegenheit, sich in sein Innenleben zu vertiefen.

Der Amerikaner Matt Salesman, der, bevor er Muslim wurde, ein christlicher Missionar war, sagt dazu: “Wenn ich das Gebet verrichte, erlebe ich eine heitere Gelassenheit, vor allem während des Freitagsgebets [jumu‘a]! Die Zeiten, die ich in der Moschee mit Beten verbringe, sind besondere Zeiten für mich, in denen meine Seele ihren Frieden findet.”[3]

Der sich zum Islam bekennende Professor Timothy Gianotti von der Universität Toronto sagt: “Wenn ich mich vor Allāh niederwerfe, ist mir, als erlangte ich Frieden. Es ist, als fühlte ich mich sicherer, als befände ich mich in einem Gebiet des Friedens. Während der Niederwerfung ist es mir, als kehrte ich von der Ferne in die Heimat zurück. Als hätte ich womöglich Allāh erreicht. Besser kann ich das nicht beschreiben. Das Gebet bringt ein Gefühl von Erleichterung, von Ruhe und Frieden.”[4]

So wie das Gebet spirituelle Nahrung für die Seele ist, bedeutet es ebenfalls Heilung für den physischen Körper. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass das rituelle Gebet den Körper mit aktiver Energie erfüllt, indem es dafür sorgt, dass sich die verschiedenen Glieder regen, die Gelenke bewegt und die Muskeln gebeugt und gestreckt werden. Überdies ist das Gebet im Leben der Muslime ein Gleichgewicht schaffendes Element. Diese Form der Andacht, die jeden Tag zu bestimmten Zeiten und nach einem bestimmten Ablauf ausgeführt wird, gewöhnt den Menschen an eine Disziplin und eine regelmäßige Lebensführung.

Muslime können das Gebet für sich alleine an jedem beliebigen Ort verrichten, doch der Islam hält sie dazu an, sich zu versammeln und das Gebet in der Gemeinschaft auszuführen. Denn das gemeinschaftlich ausgeführte Gebet lehrt uns, dass wir einer einzigen Nation angehören, indem wir uns zur Andacht als Diener Allāhs in einer Reihe aufstellen, ohne die Unterschiede der Rasse, Hautfarbe, Sprache, des Rangs oder der gesellschaftlichen Stellung zu berücksichtigen. Dadurch erstarkt in uns das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, der gegenseitigen Unterstützung und der gesellschaftlichen Verantwortung. Umgeben von einer Gemeinschaft, deren Ideen und Ziele man teilt, werden die individuellen Unterschiede zwischen den Menschen zu einem wesentlichen Grad ausgeglichen, und Gefühle von Gleichheit und Brüderlichkeit ziehen in die Herzen ein, wodurch eine religiöse Begeisterung entsteht.

Im Grunde sind die fünf täglichen Gebete für die Menschen eine leichte Auflage, die sich ohne Schwierigkeiten erledigen lässt. Es sind ja innerhalb von vierundzwanzig Stunden nicht mehr als vierundzwanzig Minuten, die der Mensch sich von seinen weltlichen Beschäftigungen abwenden soll, um sich in die Gegenwart Allāhs, des Allmächtigen, zu begeben. Als Entgelt für dieses winzige Opfer ist dem Menschen jedoch eine Überfülle von materiellen und spirituellen Vorzügen gewiss.



[1].      Manche Menschen denken, dass die Muslime in ihrem Gebet die Ka‘ba verehren. Dies ist jedoch ein völlig verkehrtes Verständnis des Islam. Niemals betet ein Muslim die Ka‘ba oder den in ihr eingelassenen schwarzen Stein an, er verneigt sich nicht vor ihr und wendet sich auch ihr nicht zu. Beim Gebet wenden sich die Muslime nicht dem Gebäude der Ka‘ba zu, sondern dem Ort, auf dem sie steht. Würde die Ka‘ba entfernt, zerstört oder anderswo errichtet, die Gebetsrichtung der Muslime würde sich dadurch nicht ändern und die Menschen würden sich weiterhin in diese Richtung verneigen. (Prof. Dr. M. Hamīdullah, İslâm’a Giriş, S. 108). Obwohl mit der Ausbreitung der Götzenverehrung in Mekka die Götzenanbeter viele ihrer Götzen nahe der Ka‘ba aufstellten, wurde die Ka‘ba niemals mit den Abgöttern in Verbindung gebracht. Sie wurde immer Bayt Allāh [Haus Allāhs] genannt. Obwohl die Menschen der Abgötterei verfielen und im Laufe der Geschichte vielfach Steine und Bäume verehrten, wurden die Ka‘ba und der schwarze Stein oder der Maqām Ibrāhīm niemals zum Gegenstand ihrer irregeleiteten Verehrung. Dies ist so aufgrund eines besonderen Schutzes, den Allāh, der Erhabene, diesem Ort verliehen hat.

[2].      Siehe Qur’ān, 29:45.

[3].      Ahmet Böken u. Ayhan Eryiğit, Yeni Hayatlar, Bd. I, S. 49.

[4].      Ebenda. S. 19. Zeugnisse von Menschen, die den Islam angenommen haben, sind auch in folgenden Werken nachzulesen: Prof. Dr. Ali Köse, Conversion to Islam: A Study of Native British Converts, London, Keagan Paul International, 1996; A. Arı u. Y. Kar Abūlut, Neden Müslüman Oldum, Ankara, Diyanet İşleri Başkanlığı Yayınları, 2007; Defne Bayrak, Neden Müslüman Oldular?, Istanbul, İnsan Yayınları, 2008.