6. Gerechtigkeit ist eine der Haupttugenden

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Allāh, der Erhabene, ist der Herr absoluter Gerechtigkeit. Er begeht keine auch noch so geringe Ungerechtigkeit. Einer Seiner vortrefflichen Namen [asmā’ al-husna] ist al-‘Adl, der Eigner absoluter Gerechtigkeit.[1] Aus diesem Grunde erwartet Er von Seinen Dienern ebenfalls Gerechtigkeit und Fairness. Dementsprechend verkündet Er im heiligen Qur’ān: {O ihr, die ihr glaubt, seid auf der Hut bei der Wahrnehmung der Gerechtigkeit und seid Zeugen für Allāh, auch dann, wenn es gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte geht.}[2]

Unser hochgelobter Prophet – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – befahl, weder im Zorn noch bei Gemütsruhe von der Gerechtigkeit abzuweichen, und er versprach jenen, denen dies gelingt, gewaltigen Lohn.[3] Der Islam gebietet den Muslimen sogar, gerecht gegen ihre Feinde zu sein:

{O ihr, die ihr glaubt! Setzt euch für Allāh ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Und der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht dazu verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher.}[4]

Die grundlegende Dialektik oder Auseinandersetzung im Islam besteht zwischen Unterdrückern oder denen, die Unterdrückung unterstützen, auf der einen und den Gerechten oder denen, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen, auf der anderen Seite. So heißt es im heiligen Qur’ān: {… wenn sie die Feindseligkeiten einstellen, dürft ihr nicht feindselig gegen sie vorgehen, außer gegen die Unterdrücker.}[5]

Ein Mensch, der die Menschenrechte anderer achtet, kann, unabhängig davon, ob er selbst Muslim ist oder nicht, durchaus mit Muslimen in einer Gesellschaft leben. Wenn jedoch ein Muslim sich als Unterdrücker gebärdet und die Menschenrechte anderer missachtet, dann hat man die Pflicht, sich ihm entgegenzustellen. So ist im sozialen Zusammenhang das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zwischen “uns” und “ihnen” die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit.[6]

Die muslimischen Nationen achteten in der Vergangenheit immer akribisch auf Gerechtigkeit. Als die Muslime die syrische Stadt Homs eingenommen hatten, erhoben sie von den Einwohnern eine sehr moderate Abgabe für den Schutz, den sie der Stadt gewährleisteten. Es begab sich, dass Heraklius, der Kaiser von Byzanz, mit einem großen Heer aufbrach, um die Muslime bei Yarmūk zum Kampf zu fordern. Als die Muslime von der gewaltigen Größe seines Heeres erfuhren, waren sie höchst besorgt. Sie gaben den Einwohnern der Stadt Homs die bereits entrichteten Abgaben zurück und teilten ihnen mit: “Da wir jetzt selbst unter Angriff stehen, fehlen uns die notwendigen Mittel, um euch zu verteidigen und zu beschützen. Ihr seid frei und könnt handeln, wie ihr wollt.” Da antworteten die Bewohner von Homs: “Bei Allāh, eure Regentschaft und Gerechtigkeit sind weit besser als die Tyrannei und Unterdrückung, die wir zuvor erlitten. Wir wollen gemeinsam mit eurem Statthalter die Stadt verteidigen.”

Und die Juden sagten: “Wir schwören auf die heilige Thorah, dass Heraklius diese Stadt Homs nicht betreten soll, es sei denn er besiegt und vernichtet uns.” Sie verschlossen die Tore der Stadt und verteidigten die Stadt gegen den Feind. Die Christen und Juden anderer Städte, die mit den Muslimen Friedensabkommen geschlossen hatten, handelten ebenso und sagten: “Wenn die Byzantiner und ihre Vasallen die Muslime besiegen, kehrt für uns die Zeit der alten Tyrannei und Unterdrückung wieder und wir werden viel Schweres zu tragen haben. Wir wünschen uns, dass die Muslime in dieser Schlacht siegen, so dass wir entsprechend unserem zuvor getroffenen Abkommen mit ihnen leben könnten!”

Als Allāh, der Erhabene, dann die Byzantiner unterliegen ließ und den Muslimen zum Sieg verhalf, öffnete das Volk den Siegern die Stadttore, rief Sänger und Tänzer herbei und enrichtete bereitwillig seine Abgaben.[7]



[1].      Siehe al-Tirmidhī, Da‘wāt, 82/3507.

[2].      Qur’ān, 4:135.

[3].      Siehe al-Haythamī, Bd. I, S. 90; Abū Nu‘aym, Hilya, Bd. II, S. 343 und Bd. VI S. 268-9.

[4].      Qur’ān, 5:8.

[5].      Qur’ān, 2:193.

[6].      Siehe Prof. Dr. Recep Şentürk, İnsan Hakları ve İslâm, S. 22.

[7].      Siehe al-Balādhurī, Futūh al-Buldān, Beirut 1987, S. 187.