5. Das Streben nach Wissen

June 15, 2013 in Die Letzte Göttlich Offenbarte Religion: ISLAM

Bis heute gibt es zwischen dem Islam und der Wissenschaft keinen Widerspruch oder Konflikt. Der Islam hat die Wissenschaft im Laufe seiner Geschichte niemals verboten. Im Gegenteil: Er fordert alle aufs Eindringlichste dazu auf und macht es Mann und Frau zur Pflicht, nach Wissen zu streben. Andererseits haben wissenschaftliche Entdeckungen auch niemals dem Islam geschadet, sondern ihn vielmehr ständig bestätigt. Warum sollte ihn die Wissenschaft auch widerlegen? Sie bemüht sich mit ihren Untersuchungsmethoden, die Gesetze zu entdecken, die Allāh der Schöpfung zugrunde gelegt hat, als Er sie schuf. Der Islam ist eine offenbarte Religion, die von Allāh gesandt und in ihrer Urform bewahrt wurde. Daher ist die Quelle des Islam und die des Wissens ein und dieselbe Quelle. Mit dem Fortschreiten wissenschaftlicher Entdeckungen und der Zunahme von Wissen werden die Majestät und Macht Allāhs und Seine unendliche Weisheit besser erkannt, und der Glaube der Menschen an Allāh kann sich dadurch nur vertiefen. Aus diesem Grunde ist die Wissenschaft ein unerläßlicher Bestandteil des Islam.

Dass Allāh, der Erhabene, allwissend ist und das Verborgene wie das Offenkundige kennt, geht aus vielen Seiner “schönen Namen” hervor. Der Gottesdiener soll sich seinerseits eifrig darum bemühen, etwas von dem göttlichen Attribut des Wissens zu erlangen.

Darüber hinaus finden wir zahlreiche Qur’ānverse und Hadīthe, welche den Menschen anspornen, nach Wissen zu streben. So sagt Allāh, der Erhabene: {… und sprich: “O Herr, mehre mein Wissen!”}[1], und: {Allāh wird diejenigen unter euch, die gläubig sind, und die, denen Wissen gegeben wurde, um Rangstufen erhöhen.}[2]

Und Allāhs Gesandter – Allāh segne ihn und schenke ihm Frieden – sagte dazu:

“Wer sich im Streben nach Wissen auf den Weg macht, den führt Allāh einen der Wege ins Paradies; und wahrlich, die Engel breiten vor Wohlgefallen ihre Schwingen über denjenigen aus, der nach Wissen strebt. Alles, was in den Himmeln und in der Erde ist, ja, selbst die Fische in den Tiefen des Wassers, bitten um Vergebung für den Gelehrten. Wahrlich, die Überlegenheit des Gelehrten über denjenigen, der sich dem Gottesdienst widmet, ist wie die des vollen Mondes über alle anderen Sterne. Fürwahr, die Gottesgelehrten sind die Erben der Propheten. Die Propheten hinterlassen weder Gold noch Silber, sondern sie hinterlassen das Wissen. Wer immer dieses Erbe antritt, dem ist ein gewaltiges Gut zuteil geworden.”[3]

“Die Weisheit ist das verlorene Gut des Gläubigen; wo immer er es findet, hat er das größte Anrecht darauf!”[4]

“Der Wissensdurst des Gläubigen ist nicht zu stillen, bis er seinen Bestimmungsort im Paradies erreicht.”[5]

Aus diesem Grund haben die Muslime wissenschaftliche Forschungen voller Begeisterung als eine Art Gottesdienst aufgefasst. Im Jahre 800 n. Chr. unternahm Ahmad al-Nāhawandī seine ersten astronomischen Beobachtungen. In der Folge wurden große Sternwarten erbaut. Die Muslime entwickelten das Astrolabium, mit dessen Hilfe sie die astronomische Höhe der Sonne, der Sterne und der anderen Planeten sowie die kosmische Zeit, die Höhe von Bergen und die Tiefe von Brunnen berechnen konnten. Als Ergebnis ihrer Forschungen wurden die alten Fixsterne revidiert und ein neuer Sternenkatalog erstellt. Viele neue Sterne wurden entdeckt, die Neigung der Ekliptik wurde neu vermessen, die Bewegung der Sonne durch den Zenith wurde beobachtet und zu den Bahnen der Fixsterne in Beziehung gesetzt, und viele andere wichtige Entdeckungen bezüglich der Planetenbewegungen wurden gemacht.

Die Muslime bedienten sich in der auf die Astronomie angewandten Mathematik neuer Methoden, indem sie trigono-m­e­trische Berechnungen und Sinusfunktionen anstelle von Bogenberechnungen nutzten, und konnten auf diese Weise sehr viel genauere Ergebnisse erzielen. Vor Allem in den Techniken zur Berechnung von Planetenbewegungen vollbrachten sie bis dahin unerreichte Leistungen.[6]

In ähnlicher Weise machten die Muslime auf vielen anderen Gebieten weitreichende Entdeckungen und leisteten damit zum Beispiel in der Geologie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Mathematik, Physik, Chemie, Medizin und Pharmazie wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung dieser Wissensgebiete. Mit seinen Entdeckungen in neunundzwanzig verschiedenen Bereichen der Wissenschaft war Ibn Sīnā (980-1037) ein wichtiger Vorreiter, der den Gelehrten Europas den Weg ebnete. Sein medizinisches Werk al-Qānūn fi al-Tibb [Medizinischer Kanon] diente sechshundert Jahre lang als Lehrbuch an europäischen Universitäten. Der Erste, der die Funktion der Netzhaut des Auges beschrieb, war Ibn Ruschd (1126-1198). Über Jahrhunderte blieb ‘Alī ibn ‘Īsās im 11. Jahrhundert unter dem Titel Tadhkirāt al-Kahhalīn verfasstes Werk über das Auge das einzige Lehrbuch der Optik und wurde ins Lateinische, Französische und Deutsche übertragen. Und ‘Ammār ibn ‘Alī (ebenfalls 11. Jahrhundert) führte vor neun Jahrhunderten Augenoperationen durch und erklärt ausführlich in seinem Buch al-Muntakhab fī ‘Ilāj al-‘Ayn, wie er den grauen Star operierte. Wie viele andere wurde auch dieses Buch ins Lateinische, Deutsche und andere Sprachen übersetzt. Ibn Haythām (auch genannt al-Hazen, 965-1051) war ein bedeutender Physiker und Begründer der Wissenschaft der Optik; ihm verdanken wir die Erfindung der Brille. ‘Alī ibn ‘Abbās (gest. 994) führte Tumoroperationen durch, die unsere heutigen chirurgischen Methoden vorwegnahmen. Ein medizinisches Lexikon namens Kitāb al-Malikī wird heute noch mit Interesse gelesen. Abū l-Qāsim al-Zahrāwī (963-1013) machte die Chirurgie zu einer unabhängigen wissenschaftlichen Disziplin, verfertigte Zeichnungen von etwa zweihundert chirurgischen Instrumenten und erklärt ihren Gebrauchsmethoden und Anwendungsgebiete in seinem Werk al-Tasrīf.

Ibn al-Nafīs (1210-1288) entdeckte den kleinen Blutkreislauf (Herz-Lunge) und erläutert ihn ausführlich in seinem Kommentar zu Ibn Sīnās Qānūn. Akschams al-Dīn (1389-1459) schreibt in seinem Buch Maddat al-Hayāt Folgendes über die Mikroben:

“Es ist ein Fehler, zu glauben, dass die Menschen einzeln von den Krankheiten befallen werden. Die Krankheiten verbreiten sich von Einem zum Anderen durch Ansteckung. Diese Ansteckung vollzieht sich aber durch lebendige Keime, die so klein sind, dass sie das menschliche Auge nicht wahrzunehmen vermag.”

Al-Khwārizmī (780-850) verwendete zum ersten Mal die Null in der Mathematik. Er begründete den Wissenszweig der Algebra und verlieh ihr mit seinem Werk al-Jabr wa al-Muqābala ihren Namen. Im neunten Jahrhundert berechneten die Söhne des Mūsā ibn Schākir mit einer nur äußerst geringen Abweichung den Erdumfang. Al-Bīrūnī (973- 1051), der Entdeckungen auf vielen verschiedenen Wissensgebieten machte, bewies, dass die Welt sich sowohl um sich selbst als auch um die Sonne dreht, und bemaß aufgrund seiner Untersuchungen in der Nähe der indischen Stadt Nendene erfolgreich den Durchmesser der Erde. Die Formel, die er dafür aufstellte, wurde in Europa als “Formel des Bīrūnī” bekannt. Al-Battānī (auch als Albategni bekannt) berechnete das Sonnenjahr mit einem Fehler von nur vierundzwanzig Sekunden. Den ersten Flugversuch unternahm Isma‘īl al-Jauharī (950-1010). Ibn Firnās war 880 ein Pionier des Flugzeugbaus. Mit einer Konstruktion aus Vogelfedern und Stoff gelang es ihm, längere Zeit in der Luft zu schweben und anschließend sanft zu landen. Al-Rāzī (864-925) beschrieb die Schwerkraft. Christoph Columbus (1446-1506) gab zu verstehen, dass er zuerst von Muslimen von der Existenz des amerikanischen Kontinents erfahren habe, vor allem aus den Büchern des Ibn Ruschd (1126-1198). Vor acht Jahrhunderten zeichnete al-Idrīsī (1100-1166) Karten, die den heutigen Weltkarten durchaus entsprechen.

Im Laufe der Weltgeschichte entwickelten sich in diversen Gegenden verschiedene Zivilisationen, deren gegenseitiger Einfluss oder Nachlass für die Entwicklung der Wissenschaft von großer Bedeutung waren. Auch die Muslime übernahmen das Wissen vergangener Zivilisationen, was sie in aller Bescheidenheit anerkannten, und leisteten ihrerseits große Beiträge zu dem von den Altvorderen übernommenen Wissen. Muslimische Gelehrte übersetzten Bücher von Verfassern früherer Zivilisationen, doch wurden deren Inhalte keineswegs fraglos übernommen, sondern stets einer kritischen Durchsicht unterzogen und falls erforderlich korrigiert.[7]



[1].      Qur’ān, 20:114.

[2].      Qur’ān, 58:11.

[3].      Abū Dāwūd, ‘Ilm, 1/3641; al-Tirmidhī, ‘Ilm, 19/2682; siehe auch al-Bukhārī, ‘Ilm, 10 und Ibn Mājah, Muqaddima, 17.

[4].      Al-Tirmidhī, ‘Ilm, 19/2687; Ibn Mājah, Zuhd, 15.

[5].      Al-Tirmidhī, ‘Ilm, 19/2686.

[6].      Siehe Sayyid Hossein Nasr, Islamic Science, S. 113-134.

[7].      Reichhaltiges Quellenmaterial zu diesem Themenkomplex liefern die folgenden Publikationen: Prof. Dr. Fuat Sezgin, Science et Technique en Islam, Frankfurt 2004; Sayyid Hossein Nasr, Islamic Science – An Illustrated Study, World of Islam Festival Pub. Co. Ltd. England, 1976; Dr. Sigrid Hunke, Allāhs Sonne über dem Abendland, Stuttgart, 1960; Carra de Vaux, Les Penseure de l’Islam, Paris 1923; Avicenne, Paris 1900; Prof. Dr. Mehmet Bayraktar, İslâm’da Bilim ve Teknoloji Tarihi, Ankara 1985; Şaban Döğen, Müslüman İlim Öncüleri Ansiklopedisi, İstanbul 1987; sowie die Website http://www.1001inventions.com.